unsere geschichte

Ich liege im Bett. Die Musik ist laut. Die Decke über mir. Mit meinen Armen und Händen versuche ich gleichzeitig meine Augen zu verdecken und meine Ohren zuzuhalten. Wie ein kleines Kind. Wenn ich nichts sehe, höre und weiß, dann kann es auch nicht sein. Dieser Zustand soll nicht zerstört werden, ich möchte den Moment der Unwissenheit einfach festhalten. Nein. Ich öffne weder Augen noch Ohren! Nein!
Ich spüre, dass er die Tür öffnet. Das Telefonat ist vorbei. Er weiß das Ergebnis. Ich will es nicht wissen. Nein! Nananananana …

ich sehe und höre hin
Ein Bruchteil einer Sekunde genügt um mir den Boden unter den Füßen zu entreißen. Sein Blick und sein minimales Kopfschütteln sind zu deutlich. Aus Ahnung wird Fakt. Mein Körper zieht sich zusammen. Ich weine und schreie leise. Mit den Fäusten trommel ich auf’s Bett. Als ob dadurch irgendwas besser wird.

Das war unsere vierte Intercystoplasmatische Spermieninjektion (ICSI).

januar 2014 – kinderwunsch
Zu dieser Zeit versuchen mein Mann und ich bereits seit zwei Jahren ein Kind zu zeugen. Anfangs ganz unbedarft; wie man das eben so macht. Nach fast einem Jahr werden wir akribischer und ziehen Ovulationstests hinzu. Schwangerschaftsbotschaften aus unserem Umfeld führen immer häufiger zu negativen Gefühlen. Warum klappt das bei uns nicht?

Meine Frauenärztin diagnositiziert: Nichts. Alles in Ordnung. Eine leichte Schilddrüsenunterfunktion bekomme ich mit Tabletten schnell in den Griff. Ich höre von ihr zum ersten Mal den Satz: „Fahren Sie mal in Urlaub. Erholen und entspannen sie sich. Das wird schon.“ Heute kotze ich wenn ich diesen Satz höre.
Mein Mann muss ran. Das Spermiogramm ist mies. Laut seinem Urologen ist es nicht unmöglich schwanger zu werden. Aber wir bräuchten wohl mehr Glück als andere. Nun gut. Glück! Probieren wir mal. Wenn’s innerhalb von sechs Monaten nicht klappt sollen wir über die Verödung einer Varikozele (Krampfader des Samenstrangs) bei meinem Mann nachdenken.

juni 2014 – varikozelenverödung

Eine im Nachhinein vollkommen sinnlose OP, die meinem Mann monatelange Schmerzen und geschwollene Hoden verursachten weil er das bei der OP verwendete Kontrastmittel nicht vertragen hat. Am Spermiogramm hat die OP nichts verändert.

januar 2015 – reproduktionsmedizin

Als unsere Entscheidung einen Reproduktionsmediziner aufzusuchen stand waren wir irgendwie glücklich. Jetzt werde ich schwanger. Das ist schließlich deren Job. Der erste Termin in der Klinik unterstützte uns in dieser Stimmung. Eine ICSI sollte es werden. Meine Werte waren top. Auch das Spermiogramm meines Mannes war für eine ICSI vollkommen okay. Nach einem Krankenkassenwechsel war auch die einhunderprozentige Kostenübernahme für drei Behandlungen gesichert. Aber ich war sicher das wir die gar nicht brauchen.

Juni 2015 – Erste ICSI

Wie aufregend. All diese Hormone, Sprays, Spritzen, Untersuchungen. Die Behandlung ist so surreal. Ich fühle mich müde aber gut. Ich bin so optimistisch. Das Gefühl stimmt; bei uns klappt das sicher beim ersten Mal. Gar kein Problem. Wir machen das schon. Vor der Punktion (der Eizellentnahme) verspüre ich fast schon ein wenig Vorfreude auf die Schwangerschaft.
Dienstags werden neun Eizellen punktiert. Alles gut, alle reif. Jetzt heißt es warten. Erst 48 Stunden später sollen wir am frühen Morgen in der Klinik anrufen und erfragen wann wir zum Transfer erscheinen sollen.

„Hallo. Können Sie mir sagen wann ich zum Transfer erscheinen soll?“
„Ach. Oh. Moment. Ähm, ja. Der Doktor ruft sie gleich zurück.“
–––
In dem Moment breche ich innerlich zum ersten Mal so richtig zusammen. Mir wird zum ersten Mal bewusst, dass die Nummer ja auch schief gehen kann. Darauf war nich nicht vorbereitet; darüber haben wir nie gesprochen. NEIN!

– Nullbefruchtung. Scheiße.

Juni 2015 – Zweite ICSI

Wie konnte das passieren? Keine Befruchtung? Da muss was schief gelaufen sein. Aber das kann doch nicht an uns liegen. Das kann nicht an uns liegen, … oder?
Unser Arzt ist ratlos. Damit hätte er nicht gerechnet. Nun ja. Wir erst recht nicht. Lass uns schnell weiter machen. Vergessen wir die Nullnummer und starten wir positiv in die nächste Runde. Vielleicht war es ja auch ein Missgeschick im Labor? Da kann doch auch mal was schief gehen, oder? Eine genetische Untersuchung ist für uns positiv. Zumindest steht uns kein Gendefekt im Weg.
Dieses Mal stimulieren wir etwas höher. Dieses Mal klappt’s. Die 14 punktierten Eizellen sind top. Zwölf lassen sich fertilisieren. Mit unserem Arzt haben wir ausgemacht, dass er sich am Tag nach der Punktion per Mail meldet und uns frühe Gewissheit gibt: Alles oder nichts oder zumindest ein paar? Den ganzen Tag sitze ich vor meinem Rechner und warte auf die eine Mail. Um 18:24 Uhr poppt die Nachricht auf. Eine Eizelle ist sicher befruchtet. Bei drei weiteren besteht noch eine Chance. Wir können nur noch weinen, vor Glück. Dieses Mal wird es klappen.
Am nächsten Tag geht’s zum Transfer. Zwei Dreizeller haben es geschafft. Wir bekommen einen Ausdruck mit Aufnahmen der Zellen. Das ist alles ganz schön absurd. Und belastender als wir uns das je hätten vorstellen können.

In den kommenden Tagen nehme ich jedes Ziepen meines Körpers – im speziellen meines Unterbauchs – war. Ich habe jedes einzelne Schwangerschaftssymptom, das dieses Internet je hervorgebracht hat. Mein Browser-Verlauf ist mir peinlich: „PU +7 Ziehen“, „PU+ 8 Kopfschmerzen“, „PU +12 Ausschlag“ sind nur einige der absurden Suchbegriffe.

An PU +17 (PU = Tag der Punktion) gehe ich aufgeregt zum Bluttest. Es könnte doch sein, oder?
Nein. Zu Hause angekommen gehe ich zur Toilette und spüle meinen Traum runter. Wie schaffen das andere? Wieviele Schmerzen können wir noch ertragen?

Einige Tage später sitze ich an unserem Küchentisch und entdecke den Abdruck der Zähne einer Gabel. Ich frage meinen Mann fast etwas böse ob er in den Tisch gestochen hat und was ihm dabei einfiel. „Das war an dem Tag der Blutuntersuchung. Irgendwohin musste die Wut.“

Vergeht der Schmerz irgendwann?

November 2015 – Dritte ICSI

Wir wissen jetzt das wir Eizellen befruchten können. Nun wäre es schön wenn wir mehr als eine oder zwei in einem Versuch schaffen. Und wenn die dann noch von guter Qualität wären. Punktiert werden 9 reife Eizellen. Zwei Tage nach der Punktion der fragende Anruf und die unerträgliche Antwort: „Der Doktor ruft sie gleich zurück.“

Damit ist das Jahr für mich gelaufen. Die Tage gehen kaum mehr vorbei und enden alle mit Tränen und Verzweiflung.

Scheiße. Scheiße. Und habe ich schon Scheiße gesagt?

Spendersamen

Wir können und wollen nicht einfach weiter machen. Wir entscheiden uns beim nächsten Versuch auf Spendersamen zurückzugreifen. Schließlich liegt es doch am Sperma meines Mannes. Oder? Also auf zum Notar, Auswahl eines Spenders, neuen Termin für eine vierte ICSI. Los geht’s.

April 2016 – Vierte ICSI

Irgendwoher ziehen wir immer wieder Kraft. Wir machen weiter. Mit Spendersamen. Deswegen sind wir so optimistisch. Dieses Mal haben wir sicher eine gescheite Befruchtungsrate. Vielleicht können wir am Ende sogar was einfrieren?

… Ein Zweizeller an Tag 2 nach Punktion. Wir versuchen optimistisch zu bleiben. Optimismus ist unsere einzige Chance.

Wie es ausging schrieb ich zu Beginn.

Schmerz und Ungeduld gehören zu unserem Alltag; oftmals bestimmen sie ihn.
Schwangeren und Eltern mit Kindern weiche ich auf der Straße aus. Und das ist nur die kleinste Einschränkung.

Scheiße.
Aber wir geben nicht auf.

Und ich möchte hier über unseren Weg und die vielen Seitenstraßen berichten.
Willkommen.

Autor: Die Sache mit dem Storch

diesachemitdemstorch klappt nicht. Das ist meine Geschichte.

8 Kommentare zu „unsere geschichte“

  1. Oh man du hast bzw. ihr habt echt schon unglaublich viel mitgemacht😯, willkommen in der Blogwelt! 😊 Ich hoffe, das Schreiben hilft dir und ich hoffe noch mehr, dass du bald positive Nachrichten vermelden kannst! Lg Frau Einstrich

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  2. Danke für das Teilen eurer Geschichte. Ich hoffe auch, dass du bald positives berichten kannst. Wie ist euer weiterer Plan? Von der TCM habe ich schon gelesen, das war für mich bisher immer sehr abwegig. Aber je länger der Weg dauert, desto mehr wird man dazu bereit, auch andere Dinge auszuprobieren. Hautpsache es hilft… Und „schaden kann’s ja nicht“.
    Ich bin gespannt auf deine weiteren Texte.

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  3. Auweia, das ist ja fast wie bei uns. Nur… noch schlimmer, weil es dann auch mit dem Spendersamen nicht weiterging. Au reiner Neugier: Warum Ihr mit Spendersamen mit ICSI weitergemacht habt? Ich hatte immer den Eindruck, dass meine Eizellen unter Stimulation gar nicht so gut werden, wie ohne – bei den HIs im natürlichen Zyklus hatte ich immer das beste Gefühl. Jedenfalls drücke ich Euch fest die Daumen. Und immerhin: Ein zauberhafter, schön geschriebener Blog mehr in der Welt. Da sage nochmal jemand, so ein unerfüllter Kinderwunsch sei zu nichts gut 😉
    LG Tina

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    1. Vielen Dank für deinen netten Kommentar, Tina! Ich freue mich so sehr über die schönen und aufmunternden Reaktionen.

      Nach der dritten ICSI haben wir uns trotz Spendersamen für eine weitere ICSI entschieden weil wir die Eizellen 50:50 mit Spendersamen und mit dem Samen meines Mannes inseminieren wollten. Allerdings wäre das unsere Option bei 12 oder mehr Eizellen gewesen. Am Tag der Punktion haben wir uns dann spontan dazu entschieden ausschließlich mit Spoendersamen „zu arbeiten“. Dadurch haben wir dann eben auch gelernt, dass meine Eizellen sich nicht sonderlich gerne befruchten lassen 🙂

      Morgen habe ich Punktionstermin (ICSI im Spontanzyklus). Drück uns die Daumen, dass es zumindest zum Transfer kommt!

      Liebe Grüße!

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