diesachemitderangst

„Ach. Oh. Moment. Ähm, ja. Der Doktor ruft sie gleich zurück.“ 
Vor diesem Satz hatte ich keine Angst. Vor diesem Satz war ich voller Vorfreude. Ich war zu einhundert Prozent sicher, dass ich in naher Zukunft schwanger werden würde. Und auch wenn es beim ersten Mal nicht gleich funktioniert: Dann eben beim zweiten oder dritten Mal.

Dieser Anruf änderte alles und brachte mir Angst. Angst, die geblieben ist. Er brachte mir auch die Angst davor, dass diese Angst nie wieder geht.

Das ist jetzt über ein Jahr, weitere drei ICSIs, davon eine mit Samenspender, ein Klinkwechsel ins Ausland und unendlich viele Tränen und Stunden der Angst her. 

Der Moment als die Angst kam war grauenvoll. Mein Mann und ich lagen uns in den Armen und weinten und schrieen und verzweifelten. Sie hatte uns eiskalt erwischt. Niemand hatte uns gewarnt. Auf die Möglichkeit einer Nullbefruchtung waren wir nicht vorbereitet. Natürlich war uns klar, dass wir mit negativen Nachrichten rechnen müssen. Aber eben nicht zu diesem zu frühen Zeitpunkt.

Und plötzlich lag dieser Schatten auf uns: Können wir es überhaupt jemals schaffen?

Wir hatten bereits über zwei Jahre Kinderwunsch hinter uns. Und wir waren voller Hoffnung endlich, endlich, endlich Hilfe gefunden zu haben; Pustekuchen!

Nach der zweiten ICSI wurde uns diese erste Angst etwas genommen. Nein, eigentlich wurde sie nur durch ein positives Gefühl kurzzeitig überdeckt. Schließlich hatten wir für uns etwas großes geschafft: Zwei befruchtete Eizellen.

Aber die Angst kam wieder hervor. Und ich glaube sie wird immer bleiben.

Vermutlich wird sogar ein positiver Schwangerschaftstest, eine Schwangerschaft und sogar ein Kind mir diese Angst nie wieder nehmen können. Ich werde sie nie vergessen können. Diese Erlebnisse haben etwas traumatisches. Sie sind unglaublich tief in meine Seele gebrannt und ich traue mich auch jetzt nur oberflächlich darüber nachzudenken. Weil ich diese Gefühle nicht zu intensiv fühlen möchte.

Meine Angst hat viele Gesichter.

Zum Einen ist das meine ganz persönliche Angst niemals ein leibliches Kind haben zu können. Das ist der größte Schmerz und die schlimmste Belastung.

Auf der anderen Seite gibt es auch diese diffusen Ängste im Alltag: Angst davor, dass die Schwägerin oder Freundin oder Bekannte eine Schwangerschaft verkündet; Angst davor, dass Wartezeiten bis zur nächsten Behandlung sich aus irgendwelchen Gründen verlängern; Angst davor, dass ich auf der nächsten Party auf zu viele Schwangere oder Babies treffe; Angst davor, dass wir uns keine weiteren Behandlungen mehr leisten können; sogar Angst davor, mich über positive Nachrichten von anderen Kinderwunsch-Paaren nicht freuen zu können; Angst davor, dass ich wieder Angst verspüre.

Meine Angst hat viele Namen.

Manchmal heißt sie Trauer oder Wut, Verzweiflung, Müdigkeit, Unruhe, Zweifel.
Ich frage mich ob ich mir vor Jahren hätte vorstellen können, dass Menschen mit Kinderwunsch so leiden?

Sollte ich eine Therapie beginnen? Darüber habe ich häufig nachgedacht. Mich im Moment aber dagegen entschieden. Die Angst ist gerade ein Teil von mir mit dem ich zu leben gelernt habe. Außerdem bin ich gerade mit Terminen bedient: Termine in unserer neuen Klinik im Ausland, Termine mit unserem Arzt hier in Deutschland, TCM, Akupunktur … ich habe auch noch ein Leben neben dem Kinderwunsch. Oder?

Angst, du bist ein ganz großes Arschloch!

Autor: Die Sache mit dem Storch

diesachemitdemstorch klappt nicht. Das ist meine Geschichte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s