diesachemitdemgeld

Die ersten drei Versuche sind umsonst.
– Puh. Drei Versuche. So viele brauchen wir eh nicht. Bei uns klappt das sicher schneller.
Nach dem ersten:
– Nun gut. Einmal ist keinmal. Nächstes Mal …
Nach dem zweiten:
– Mist. Nur noch einer. MIST!
Und dann:
– Urlaub? Geht sicher auch günstiger.
– Brauchen wir das jetzt wirklich?
– Chef: Ich brauch mehr Geld!

Da standen wir also. Drei Versuche hinter uns, die kaum erfolgloser hätten sein können. Und wie geht es weiter? Das ist unfassbar teuer. Wir stimulieren höher als die reguläre Höchstdosis. Alleine die Medikamente kosten uns ungefähr 2.500 Euro (wenn wir sie im Ausland besorgen).

Insgesamt waren wir am Ende von ICSI 4 weit über 10.000 Euro los.

Hätte, hätte, Fahrradkette …

Hätten wir das vorher gewusst: Was wir mit dem Geld hätten machen können. Wahnsinn. Diese Geldsorgen, diese Angst sich keine weiteren Behandlungen mehr leisten zu können, das ständige rechnen und planen; als hätten wir nicht bereits genügend Sorgen und Ängste. Also immer her damit.
Ich habe kein Verständnis für dieses starre Vorgehen der Krankenkassen: Drei Versuche. Egal warum, wie, wo, wann. Drei Versuche. Danach ist Schluss. Danach muss ich damit leben. Vielleicht zahlen sie mir dann ja noch eine Therapie?
Ich wünsche mir individuellere Betreuung.
Ich könnte kotzen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Unfruchtbarkeit schon 1968 als Krankheit deklariert, nach medizinökonomischen Rechnungen erwirtschaftet ein Retortenbaby weit mehr Geld, als es kostet. Und ganz unabhängig davon: nur weil man an einem Leiden nicht sterben kann, heisst es nicht, dass es einen nicht krank macht. Und da übernehmen Krankenkassen (im Idealfall) nur drei Versuche? Ernsthaft? Ich verstehe nicht, dass ich für die Behebung meines körperlichen Defekts, der mich daran hindert, das Leben zu führen, das ich führen möchte und darüber hinaus noch elementar für den Fortbestand unserer Gesellschaft ist, zur Kasse gebeten werde.

Zum Glück haben mein Mann und ich großzügige Unterstützung durch unsere Familie. Sonst könnten wir das nicht stemmen.
Zum Glück ist unser jetziger Versuch eine ICSI im natürlichen Zyklus und zum Glück gilt da in unserer Klinik das Prinzip: Eine ICSI kaufen, zwei kriegen. Irre, oder? Wir zahlen jetzt also für ICSI und Transfer ungefähr 5.500 Euro plus Medikamente für ungefähr 700 Euro. Dazu kommt meine wöchentliche Akupunktur und monatlich Kräutergranulate (TCM) für rund 250 Euro. Nahrungsergänzungspräparate und Vitamine für meinen Mann und mich für circa 80 Euro pro Monat. Plus Fahrtkosten zu unserer Klinik im Ausland, plus ein Hotel für die Nacht vor der Punktion und nach dem Transfer. Macht am Ende ungefähr 7.000 Euro. Immerhin für zwei Versuche. Falls der erste nicht klappt. (Ob man bei Erfolg den zweiten für ein Geschwisterkind nutzen kann habe ich gar nicht gefragt 😉 )

Wir sind nun also nach ungefähr eineinhalb Jahren Reproduktionsmedizin fast 20.000 Euro los. Das ist absoluter Wahnsinn. Wir hatten ein solides finanzielles Polster als wir in die Behandlung gestartet sind. Die Betonung liegt auf „hatten“.
Noch vor einem Jahr habe ich gesagt, dass ich alles dafür geben würde ein Kind zu bekommen. Nun habe ich fast alles dafür gegeben. Habe aber kein Kind.

Und an die Zukunft mag ich gar nicht denken; weil ich versuchen möchte optimistisch zu bleiben. Aber wenn ich mal durch diesen kleinen pessimistischen Schlitz einen Blick wage: Es würde eventuell noch eine reguläre ICSI mit neuer Medikation folgen: plus ca. 12.500 Euro. Bei Misserfolg vielleicht eine Eizellspende? Vielleicht eine Embryonenspende?
Wie weit würden wir gehen? Bis wir uns nicht mal mehr unseren Alltag leisten können?
Wann ist Schluss? Ich möchte das entscheiden und ich möchte das nicht meinen Kontostand entscheiden lassen. Aber tatsächlich fürchte ich, dass genau der am Ende das Entscheiderhütchen trägt.

Mein Mann und ich sind dabei eigentlich noch in einer privilegierten Situation: Wir verdienen gut und haben eine Familie, die uns auch finanziell mal unter die Arme greift. Was machen diejenigen, die das nicht haben?
Dann ist nach drei Versuchen aus, Schluss, finito, Ende. Scheiße ist das!

Liebe Krankenkassen, wisst ihr wie sich der dritte Versuch anfühlt, wenn man weiß, dass man sich einen vierten nicht leisten kann?
– Nein, dass wisst ihr nicht.

Ich möchte entscheiden.

Autor: Die Sache mit dem Storch

diesachemitdemstorch klappt nicht. Das ist meine Geschichte.

2 Kommentare zu „diesachemitdemgeld“

  1. Ja, die eine Sache sind die Kassen. Das ist wohl wahr.

    Die andere Sache die ich sehe ist die Politik…

    „Es gibt zu wenige Kinder“, „Wer soll die Renten mal bezahlen“, „Heute ist vielen die Karriere wichtiger als der Nachwuchs“ und so weiter und so fort.
    Aber warum denn?
    Weil man nichts als Steine in den Weg bekommt wenn es darum geht Nachwuchs in die Welt zu setzen.
    Viele Bundesländer unterstützen KiWu Paare KEIN STÜCK… Wenn man „Glück“ hat und über der Schwelle für außergewöhnliche Belastung liegt (wie wir beide) kann man sich über die Steuer einen BRUCHTEIL wieder holen.

    Der Staat schreit nach Kindern, aber was tun sie dafür? Nichts… Ein Kind bringt dem Staat so viel ein. Da könnte die Politik KiWu Paare doch deutlich mehr unterstützen. Zum Beispiel indem zumindest die Arztkosten getragen werden. Wenigstens das.

    Nun ja. 😦

    Wir sind ja jetzt auch Selbstzahler, und haben trotzdem bisher (bevor wir Selbstzahler wurden) insgesamt schon ca. 5.000€ investiert.

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  2. Oh Gott, wenn ich diese Zahlen lese wird mir ganz schwindelig, zumal ich noch nicht mal weiß, ob meine Private KK überhaupt was zahlt.
    Es ist wirklich bitter. Jemand, der Drogen nimmt, bekommt für zehntausende von Euros Entzug bezahlt und Resozialisierung etc. Dabei hat er sein Schicksal selbst verbockt… und wir? Stehen da, ohne Unterstützung. Unverschuldet. Trotzdem ins Unglück gestürzt.
    Da sollte man mal ansetzen, ich stimme dir vollkommen zu.

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