Game over …

Und auch wenn ich mir keine Hoffnungen machen wollte und sollte, nicht an die klitzekleine, kaum realistische Chance glauben mochte; so habe ich das natürlich doch getan. Und damit habe ich das Ergebnis unserer sechsten ICSI vorweg genommen: Es gab keine Befruchtung und dementsprechend keinen Transfer. Und damit steht fest, dass ich keine leiblichen Kinder haben werde.

Ja. Klar wusste ich, dass eine Befruchtung und ein Transfer höchst unwahrscheinlich sind.
Ja. Klar wusste ich, dass ich dann eben keine leiblichen Kinder haben kann.
Ja. Klar war ich darauf vorbereitet. Ich habe ja selbst bereits die nächsten Schritte vorbereitet.

Und doch war das Ergebnis ein Schlag in die Fresse. Nein. Nicht nur das. Es war erst ein Schlag in die Fresse. Dann ging ich zu Boden und wurde weiter mit Tritten maltretiert. Bis mir die Luft wegblieb und ich nicht mal mehr schreien konnte. 

Mittwoch fuhren wir los. Wir hatten uns in ein sehr nettes Hotel eingemietet. Gingen am Abend durch die wundervolle Sommernacht in dieser wunderschönen Stadt spazieren und genossen ein verspätetes Hochzeitstagsessen in einem netten Restaurant. Alles fühlte sich gut an. Für einen Abend konnten wir alles was uns bedrückte vergessen. Wir waren einfach nur ein ziemlich zufriedenes Paar in einer echt schönen Stadt. Wüssten wir es nicht besser wäre es einfach einer dieser kurzen Städtetrips, die wir in unregelmäßigen Abständen eben unternehmen. Mit dem Unterschied, dass unser Wecker am nächsten Morgen bereits um 5:30 Uhr klingelte und ich um sieben meinen OP-Kittel anzog.

Alles schien schon so vertraut. Die Umgebung, die Pfleger, der Kittel … das hatten wir alles schonmal gesehen; alles schonmal erlebt. Selbst das Team, dass mich im OP-Saal zur Punktion empfing war das selbe wie beim letzten Mal. Die selbe Prozedur: Aus dem Bett auf den Behandlungsstuhl hüpfen. Der Arzt checkt per Ultraschall ob der Follikel noch da ist. Check. Vagina desinfizieren und mit einer warmen Flüssigkeit ausspülen. Diese kalten Tücher werden  über meinem ganzen Körper ausgebreitet. Nur dieser etwa fünf mal zehn Zentimeter große ovale Schlitz, der dem Arzt freie Sicht auf die entscheidene Region meines Unterleibs gewährt.
„Take a deep breath …“
– Au.
Egal. Ich weiß ja wofür ich die Schmerzen ertrage.
„We found the egg.“
„Good luck.“
– Bye.

Dann ist mein Mann dran. Wir müssen eine Stunde warten bis wir erfahren ob die Spermaprobe in Ordnung ist und dürfen dann fahren.

Etwas mehr als zwei Stunden später liege ich bereits zu Hause im Bett. Ich fühle dieses unbeschreibliche Gefühl, dass ich bisher nach jeder Punktion verspürte. Eine Art Leere gepaart mit Hoffnung und Angst. Schlafen ist die beste Lösung.

Am dritten Tag nach der Punktion würde ein eventueller Transfer stattfinden. Das wäre Sonntag. Wir erhalten von der Klinik sogar eine Sonderbescheinigung, dass wir am autofreien Sonntag durch die Stadt fahren dürften. Wenn wir denn müssten …

Beim letzten erfolglosen Versuch erhielten wir einen Tag vorm geplanten Transfer um 10:52 Uhr am Morgen den Anruf des „Daily Monitorings“ mit der Info, dass es zu keinem Transfer kommen würde. Dementsprechend saß ich am Samstag von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr am Abend vollkommen angespannt vor meinem Telefon. Das ist Psychoterror, der sich in Kopfschmerzen, Übelkeit und Durchfall zeigte.
20 Uhr … kein Anruf.
Ich frage meinen Mann schüchtern und kaum hörbar: „Meinst du das könnte bedeuten, dass …“ – „Vielleicht …“. Wir lächeln.

Der Wunsch nach einem Transfer ist so fragil, dass wir uns beide kaum wagen ihn zu denken; geschweige denn auszusprechen.

Auf jeden Fall sind wir einen Tag weiter als beim letzten Mal.

Sonntag morgen, 7 Uhr. Morgenroutine, sprich: Duschen, Zähne putzen, anziehen, zwei Tabletten Utrogestan vaginal einführen.
Ab 9 Uhr kann der Anruf kommen. Und ganz eventuell müssen wir dann sofort ins Auto springen und los.

9 Uhr … 10 Uhr … halb elf … 11 Uhr … 11:02 Uhr: Es klingelt. Ich sehe die ausländische und vertraute Vorwahl, gehe ran und bekomme kaum ein „Hello“ heraus.
„Hello Mrs., unfortunately … blablabla.“ Ich hab keine Ahnung was er gesagt hat. Es war eine männliche Stimme. „Unfortunately …“ hat mir gereicht.
Irgendwann lege ich auf. Mein Mann nimmt mich in den Arm und fängt mich auf.

Wir weinen kurz. Das ist alles zu vertraut. Wir kennen den Schmerz, die Gedanken, die Ängste.

Ich will das nicht.

Zur Ablenkung laufen wir zur Uniklinik und suchen den richtigen Eingang zur Onkologie. Dort muss ich im Laufe der Woche mit meiner Mutter hin.
Und es fällt mir wieder ein. Es gibt ja Schlimmeres als unseren unerfüllten Wunsch. Oder?

Ich funktioniere. Aber ich leide fürchterlich … Das ist vermutlich richtig und wichtig. Damit ich bald wieder Kraft finden kann für die nächsten Schritte. Die sind schließlich schon geplant.

Trotzdem muss ich gerade zwei Gedanken verarbeiten und betrauern:
(Reihenfolge ist Zufall und soll nicht gewichten)
– Ich werde niemals leibliche Kinder haben.
– Meine Mutter wird in absehbarer Zeit sterben.

Kann die Scheiße bitte jetzt aufhören?

 

 

DANKE für eure lieben Mitteilungen, Tweets, Nachrichten und Kommentare.
Ich zehre davon.

 

 

 

Autor: Die Sache mit dem Storch

diesachemitdemstorch klappt nicht. Das ist meine Geschichte.

6 Kommentare zu „Game over …“

  1. Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll. Es ist scheiße, und es tut mir so Leid. Manchmal fühlt es sich an, als könnte es nicht weitergehen. Aber es wird weitergehen. Eines Tages wird auch diese Episode deines Lebens eine ferne Erinnerung sein. Und du wirst dir das „Was wäre gewesen, wenn…“ gar nicht mehr richtig vorstellen können. Und an deine Mutter werden die positiven Erinnerungen überwiegen. Aber das ist die Zukunft, die jetzt noch unvorstellbar ist. Erst musst du jetzt da durch und dafür wünsche ich dir viel Kraft und liebevolle Menschen an deiner Seite.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe keine konkrete Antwort wann dieser Mist aufhört, aber ES WIRD AUFHÖREN, IRGENDWANN IST ES BESSER! Ich drück dich ganz fest. Es tut mir sehr sehr leid, dass dich das Schicksal gerade so beutelt. Es ist einfach gemein und viel zu viel Leid für ein kleines Herz.😢 Es ist gut, dass du einen Plan für die Zukunft hast. Jetzt ruh dich aus, tanke Kraft und verbring Zeit mit deiner Mama. Und irgendwann gehst du deinen Plan an. Ganz ganz liebe Grüße! 💜

    Gefällt 1 Person

  3. Gott Mädchen mir zerreisst es das Herz sowas lesen zu müssen. Dafür gibt es auch keine tröstenden Worte. Ich kann dir nur wünschen bald wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen, dass das Leben nicht fair ist müssen manche viel zu häufig erfahren. Ganz liebe Grüße ❤

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s