Behandlung im Ausland: Na klar!

Immer mal wieder bekomme ich Rückmeldung dazu, dass wir uns nun zur Behandlung ins Ausland begeben. Diese Rückmeldungen wurden häufiger als wir von Belgien nach Tschechien wechselten. In der Regel handelt es sich um positives Feedback; häufig fallen Begriffe wie ‚mutig‘ oder ‚außergewöhnlich‘. Manchmal meine ich einen skeptischen Unterton zu spüren: „Habt ihr keine Sorgen …“, „Sind die denn dort genauso kompetent …“.
Mir hat dieser Schritt weder sonderlich viel Mut abverlangt, noch habe ich es als ‚besonders‘ betrachtet. Ich hatte auch keine Sorge vor mangelnder Kompetenz. Nichtsdestotrotz hatte ich Sorgen; die wurden aber ausgeräumt. Ich möchte sie mit euch teilen …

Warum haben wir uns für eine Behandlung im Ausland entschieden?

Etwas mehr als eineinhalb Jahre und vier ICSIs lang waren wir in einer deutschen Klinik in Behandlung. Hier haben wir einen wundervollen Arzt und ein ebenso großartiges Team gefunden, dem wir absolut vertraut haben und bis heute vertrauen. Nach der dritten ICSI und der zweiten Nullbefruchtung stand der Arzt etwas ratlos vor uns und wir führten ein langes Gespräch. Unser Fall ist sehr selten und speziell, er wurde im Ärztekollegium ausführlich diskutiert; aber für ihn war klar, dass er eben an seine Grenzen gekommen ist.
Gemeinsam entschieden wir uns für einen Klinikwechsel. Für uns war klar, dass wir versuchen wollten einen Termin in einer Klinik in Brüssel zu bekommen. Zum Einen ist der dortige Professor eine Koryphäe auf diesem Gebiet und zum Anderen haben Freunde von uns dort gute Erfahrungen gemacht.
Wir hatten das Glück einen Termin bei dem Professor persönlich zu bekommen. Er war dann für die kommenden zwei ICSIs unser behandelnder Arzt. Wobei unser Arzt in Deutschland uns auch währenddessen weiter betreute und sämtliche vorbereitenden Ultraschalluntersuchungen etc. durchführte.

Leider waren wir auch in Belgien nicht erfolgreich und der nächste Schritt stand für uns bereits vor dem letzten negativen Ergebnis fest: Eizellspende. Wir wären sofort und gerne wieder zu unserer Klinik in Deutschland zurück gewechselt. Leider ist Eizellspende hierzulande (noch) nicht erlaubt.
Somit mussten wir uns im Ausland informieren.
Unsere wichtigsten Kriterien waren die Wartezeit bzw. Dauer bis zum ersten Transfer und die Auswahl der Spenderin. Daneben hatten wir eine ganze Liste mit Fragen.

Belgien schied schnell aus. Das Verfahren ist recht langwierig und es gibt kaum eine Chance auf eine ‚eigene Spenderin‘. Das heißt, Spenderinnen spenden in einem Zyklus für mehrere Empfängerinnen. Und die Warteliste ist lang. Es besteht die Möglichkeit das Verfahren zu beschleunigen indem man eine Spenderin zum Beispiel aus dem Freundes- oder Familienkreis mit bringt. Diese Spenderin kann dann für einen selbst spenden oder ihre Eizellen in einen Pool geben aus dem man selbst dann eine Eizelle einer ‚unbekannten‘ Spenderin bekommt. Diese Option haben wir für uns ausgeschlossen.

Spanien schied für uns aus einem optischen Grund aus. Mein Mann und ich sind hell- und rotblond. Und aus irgendwelchen Gründen war es mir persönlich wichtig, dass eventuelle Kinder mir auch irgendwie ähneln. Und ich bin so gänzlich unspanisch.
Bei der Recherche stießen wir recht schnell auf Tschechien. Weitere Länder haben wir uns dann gar nicht mehr angeschaut. In unserer jetzigen Klinik in Prag bekamen wir zeitnah einen Kennenlerntermin via Skype und wir fühlten uns gleich wohl, gut beraten und aufgehoben. Und somit haben wir uns dann schnell auch für Prag entschieden und sind hingereist. Dort sind wir nun auch in Behandlung.

Deutschland, Belgien, Tschechien. Es ist egal, oder?

Klar gibt es Unterschiede zwischen den Kliniken. Ich möchte das mal am Eindruck der Klinik, der Betreuung und Behandlung und dem Preis vergleichen.
Obacht: Das ist natürlich sehr subjektiv. Und wenn ich von Deutschland, Belgien und Tschechien spreche meine ich natürlich nur unsere Klinik.

Die Kliniken
Hier sind sich unsere deutsche und tschechische Klinik sehr ähnlich. Beide sind sehr schön und freundlich eingerichtet und wirken nicht direkt wie eine Klinik. Sie vermitteln vielmehr einen wohligen und aufgeräumten Eindruck. Dabei muss ich natürlich sagen, dass es sich bei beiden um Privatkliniken handelt, die sich auf das Thema Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin spezialisiert haben.
In Belgien war alles groß und klinisch. Aber das war es eben auch. Eine sehr große Klinik in der es nicht ausschließlich um diese Themen geht. Die Abteilung Reproduktionsmedizin war ein Teil der Kinderklinik.

Betreuung und Behandlung
Auch in diesem Punkt sind Tschechien und Deutschland sehr ähnlich. Die Betreuung durch den Arzt ist sehr eng. In Tschechien haben wir zusätzliche eine Koordinatorin die für alle Fragen und Anliegen unsere Ansprechpartnerin ist. Die Kommunikation findet komplett auf deutsch statt; auch alle Verträge und Behandlungspläne sind auf deutsch.
In Deutschland hat unser betreuender Arzt ebenfalls eine sehr nette Assistentin die sich dann im Laufe der Zeit immer mehr zu unserer Ansprechpartnerin entwickelte.
Es wird versucht, dass alle Behandlungen und Untersuchungen immer vom selben Arzt bzw. der selben Ärztin durchgeführt werden. Nur in Ausnahmefällen kümmert sich ein Kollege oder eine Kollegin.
Belgien war hier etwas anders. Geschuldet ist das wohl der Tatsache, dass es sich eben wirklich um eine sehr große Klinik handelt. Es ist alles sehr gut organisiert; aber wir waren doch eher eine Nummer. Unseren behandelnden Professor haben wir nur zum Erst- und zum Nachgespräch gesehen. Alle weiteren Untersuchungen und Behandlungen werden von immer unterschiedlichen Ärzten und Ärztinnen vorgenommen. Wir haben uns hier auch gut gefühlt was die Behandlung betrifft und ich würde die Klinik auch weiterempfehlen; aber schöner und wohliger ist es eben doch in Deutschland und Tschechien. Und das ist am Ende ja auch wichtig, oder?

Preis
Hach ja. Das liebe Geld und der Kinderwunsch. Was wir mit dem ganzen Geld alles machen könnten … Aber wir wollen eben ein Kind.
Als wir nach dem dritten Versuch zu Selbstzahlern wurden haben wir begonnen unsere Medikamente in Belgien zu kaufen. (Hier gibt es übrigens eine tolle Übersicht über die Kosten von Medikamenten im Ausland: Google Doc „Medikamentenpreise Ausland <> Deutschland“ )
Unsere Medikamente für die aktuelle Behandlung haben wir auch direkt in Tschechien eingekauft. Dort war es bisher diesbezüglich am günstigsten.
Was die Kosten der Klinik angeht gibt es ja sicher überall große Preisunterschiede. Sowohl innerhalb Deutschlands als auch innerhalb anderer Länder und auch im Vergleich.
Wenn ich unsere Kliniken vergleiche (nicht anhand unserer individuellen Behandlung sondern anhand deren Preislisten) war Belgien am teuersten, dicht gefolgt von Deutschland. Tschechien ist am günstigsten.
Aber so richtig viel tut sich da nicht. Vor allem muss man bei einer Behandlung im Ausland ja noch Reisekosten addieren. Meine Klinik in Deutschland ist für mich fußläufig erreichbar. Nach Belgien sind wir mit dem Auto gefahren und haben zur Punktion eine Nacht im Hotel verbracht. Nach Tschechien fliegen wir nun und haben auch ein paar Tage mehr im Hotel geplant.
Im Endeffekt kommen wir unterm Strich überall auf’s Gleiche raus.
Die Kosten waren für uns aber nie Auswahlkriterium. Wenn man hierauf mehr Wert legt kann man sicher in allen drei Ländern günstigere Kliniken finden.

Der für mich relevanteste Unterschied

Was mich in der Auswahl und in der Vorbereitung am meisten beschäftigt hat war der rechtliche und moralische Aspekt. Ich habe was Samenspende und Eizellspende angeht grundsätzlich keinerlei moralische und / oder ethische Bedenken. Dazu werde ich in einem separaten Post berichten.
Aber ich habe mich lange damit auseinandergesetzt, was den Spender oder die Spenderin und das eventuelle Kind betrifft. Was sind die Beweggründe für eine Spende? Welche Probleme können für das Kind auftreten? Und wie sind die rechtlichen Regelungen?

Vorweg und wichtig zum nachvollziehen unserer Gedanken: Sowohl bei Samen- als auch jetzt bei der Eizellspende ist für uns klar, dass wir einem Kind von seiner Entstehung so früh wie möglich erzählen wollen. Das Thema soll offen kommuniziert werden.

Im letzten Jahr haben wir uns für eine Spermaspende in Deutschland entschieden. Unsere Klinik arbeitet mit einer deutschen Samenbank zusammen. Mit dieser Samenbank haben wir einen Vertrag geschlossen. Von einem Notar haben wir einen weiteren Vertrag aufsetzen lassen müssen in dem mein Mann die eventuell entstehende Vaterschaft bestätigt. Mit unserer Klinik haben wir ebenfalls Verträge geschlossen.
Im Anschluss bekamen wir eine Auswahl an Spendern (Alter, Haar- und Augenfarbe, Größe, Gewicht, Beruf und Hobbies), wir entschieden uns für einen und die Samenbank verschickte die entsprechende Probe direkt an unsere Klinik.
Die Spender bekommen für diese Spende eine Aufwandsentschädigung die recht gering ist. Das Geld soll nicht der ausschlaggebende Anreiz sein. Meistens sind es andere Gründe aus denen sich ein Mann zur Samenspende entscheidet.
Wäre nun aus dieser Spende ein Kind entstanden hätte dieses ab dem 18. Lebensjahr die Möglichkeit die Identität des Spenders zu erfragen und erfahren. Die Samenbank verpflichtet sich, die Daten 100 Jahre lang zu sichern und auf Anfrage heraus zu geben.
Diesen ganzen Prozess finde ich gut.

Bei der Eizellspende hätten wir das gerne auch so. Aber die ist in Deutschland ja leider verboten. Aus diversen Gründen haben wir uns nun für Tschechien entschieden. Hier läuft aber alles anders. Es gibt einen Vertrag zwischen der Klinik und uns. Ende. Das war’s schon.
Wir bekommen eine Spenderin vorgeschlagen (Alter, Haar- und Augenfarbe, Größe, Gewicht, Beruf und Hobbies) und wenn wir uns für sie entscheiden wird sie die ICSI für uns durchlaufen.
Spenderinnen sind dort zwischen 19 und 33 Jahren alt und entweder Studentin oder Mutter in Elternzeit. Sie erhalten für ihre Spende ca. 800 Euro. Dafür müssen sie einen langen Auswahlprozess durchlaufen, sich vielen Tests und Untersuchungen unterziehen und – wie geschrieben – die ICSI bis zur Punktion mit allen Nebenwirkungen ertragen.
Uns wurde garantiert, dass keine Spenderin aus der Not heraus spendet. Dieser Aussage vertrauen wir.
Entsteht aus dieser Spende ein Kind wird dieses Kind niemals die Möglichkeit haben zu erfahren wer die genetische Mutter ist. Diese Daten bleiben unter Verschluss. Eine Ausnahme macht die Klinik ausschließlich bei medizinischer Notwendigkeit.

Dieser extreme Unterschied ist uns klar und wir akzeptieren ihn. Wir wissen, dass es eine Herausforderung wird, dass Kind frühzeitig darüber aufzuklären. Und wir nehmen das Risiko auf uns, dass es uns diese Entscheidung vorwirft.

Und genau das ist für uns der große Unterschied zu einer Behandlung in Deutschland. Alles andere ist nebensächlich, gleich gut oder gleich schlecht.

Wir sind uns diesem großen Unterschied bewusst, wir stellen viele Fragen und sprechen unter uns und mit anderen darüber. Der Umgang damit und der spätere Umgang mit dem Kind ist eine Herausforderung, der wir uns gerne stellen.
Vielleicht stimmt also das Feedback, dass ich erhalte. Vielleicht sind wir auch ein bisschen mutig. Wenn dem so ist, dann handelt es sich um Mut, der aus der Sehnsucht nach einem Kind hervorgeht. Diese Sehnsucht weckt in uns wahnsinnige Kräfte und lässt uns so einiges bewältigen.
Manchmal haben wir auch Sorgen. Aber wenn wir uns den Sorgen stellen, nicht aufhören zu hinterfragen und vor allen Dingen zu kommunizieren können wir sie überwinden. Auch wenn das manchmal sehr anstrengend ist.

Seid mutig!

Autor: Die Sache mit dem Storch

diesachemitdemstorch klappt nicht. Das ist meine Geschichte.

7 Kommentare zu „Behandlung im Ausland: Na klar!“

  1. Ich finde, Ihr macht das alles super richtig. Ihr habt Euch für einen Weg entschieden, der Nachteile hat, die Ihr in Kauf nehmt. Das sind doch gute Voraussetzungen dafür, dass es für Eure Kinder dann in Ordnung sein wird. Kennt Ihr eigentlich diese Aufklärungsratgeber „Telling and Talking“? Gibt es bei DI-Netz inzwischen auch auf Deutsch, glaube ich. Ich fand das sehr hilfreich. Die Sache mit der Ähnlichkeit kann ich verstehen. In Spanien ist es mit der Anonymität auch nicht besser, glaube ich. Dafür hättet Ihr vielleicht nach Skandinavien gemusst. Noch weiter weg und teurer. Wie auch immer – es ist jetzt, wie es ist und wird hoffentlich gut. Viel viel Glück!!!
    PS: Pipppilotta bloggt zu Eizellspende, sie hat Zwillinge mit einer spanischen Klinik bekommen. Vielleicht kennst Du ihren Blog schon.

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