Eizellspende #03: Genetik vs. Biologie vs. Sozialität vs. X

Sollte die Eizellspende für uns in einem oder zwei Kindern münden: Ich werde niemals die genetische Mutter sein. Was bedeutet das für mich und meinen Mann? Was bedeutet das für unser Umfeld? Was bedeutet das für die Spenderin? Und am Wichtigsten: Was bedeutet das für das Kind?
Ich glaube ich habe mir nur über wenige Dinge im Leben so intensiv Gedanken gemacht.

Wir sind in der wohl recht außergewöhnlichen Situation, dass wir vor genau einem Jahr in der umgekehrten Situation waren: Wir gingen davon aus, dass das Sperma meines Mannes „schuld“ sei und hatten uns für eine Samenspende entschieden. Aus dem Grund haben wir uns damals schon sehr intensiv mit dem Thema der genetischen, biologischen und sozialen Elternschaft auseinandergesetzt.
Nun stellte sich heraus, dass eigentlich meine Eizellen die „Schuldigen“ sind und nach einigen Gesprächen haben wir uns für eine Eizellspende in Tschechien entschieden. 

Eizell- vs. Samenspende

Im Gegensatz zur Samenspende ist die Eizellspende in Deutschland nicht erlaubt. (Embryonenschutzgesetz, §1, Absatz 1 bis 3, siehe auch http://www.eizellspende.com.de/laender/Situation-in-Deutschland.htm)
Unser im letzten Jahr verwendeter Spendersamen stammte von einer deutschen Samenbank. Mit Vollendung des 18. Lebensjahres kann ein Kind dort die Identität des Spenders und somit seines genetischen Vaters erfahren.

Wir haben uns schon damals ganz klar dazu entschieden unser Kind oder unsere Kinder von Anfang an über ihre Entstehung aufklären zu wollen. Dieser offene Umgang ist nach unserer Überzeugung essentiell für ein vertrauensvolles Miteinander und alles andere für eine Familie belastend. Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit sind unverzichtbare Grundwerte, die wir unserem Kind oder unseren Kindern einmal vermitteln möchten. Wir stehen selbstbewusst hinter unserer Entscheidung und glauben, dass wir dieses Selbstbewusstsein auch unseren Nachkommen mitgeben können.
Diese Einstellung hat sich beim Wechsel von der Samen- zur Eizellspende nicht geändert.

Der entscheidende Unterschied ist, dass wir dazu ins Ausland müssen. In unserer Recherche haben wir uns auf das europäische Ausland begrenzt; aus optischen Gründen auch eher auf Nord- und Osteuropa. Denn auch wenn das Kind von Beginn an über seine Entstehung informiert ist wünschen wir uns doch, dass wir für Unbeteiligte optisch eine verwandtschaftlich verbundene Familie sein können.
In Frage kamen Belgien, Dänemark, England, Österreich und Tschechien.

Eine gute Übersicht über die unterschiedlichen rechtlichen Regelungen gibt es z.B. hier, auch wenn die Auflistungen teilweise nicht ganz aktuell zu sein scheint: Max-Planck-Datenbank zu den rechtlichen Regelungen zur Fortpflanzungsmedizin in europäischen Ländern (China und Japan sind aber auch vertreten)

Des weiteren haben wir uns auf Internetseiten diverser Kliniken, in Foren und Blogs informiert. Besonders empfehlen möchte ich hier das Blog „Pippilotta – Mama durch Eizellspende

Aufgrund verschiedener Kriterien haben wir uns für eine Behandlung in Tschechien entschieden: Wartezeit, Exklusivität der Spenderin, Kosten, Bauchgefühl.
In Tschechien sieht das Recht nicht vor, dass Spenderkinder die Identität der genetischen Mutter jemals erfahren können. Die Eizellspenderinnen agieren vollkommen anonym.
Das finden wir nicht ideal, aber wir haben es für uns akzeptiert.

Familie sucht man sich aus (!)

Mein Mann und ich stammen aus einer ganz klassischen und einer absoluten Patchworkfamilie. Bei Familienfesten schwirren Halbgeschwister, Stiefgeschwister, Vollgeschwister, Adoptivväter, leibliche Väter, Mütter, homosexuelle Geschwister mit Pflegekindern und Spenderkindern und Freunde, die gefühlt vollkommen zur Familie gehören, umher. Das ist unsere Realität und unser Alltag.
Familie ist Familie. Wir unterscheiden als Kinder, Schwester, Bruder, Onkel und Tante nicht zwischen leiblichen, Halb-, Stief- oder Adoptivverwandtschaft. Warum sollten wir in Zukunft als Eltern, als Vater und Mutter, einen Unterschied machen?

Es ist bestimmt besonders schön als Mutter neben seinem Baby zu liegen oder später sein Kind zu betrachten und Ähnlichkeiten zu entdecken. Darauf werde ich verzichten müssen. Oder? Muss ich das wirklich?
Ich habe einen Adoptivvater gefragt. Er antwortete, dass er in seinem Kind häufig Ähnlichkeiten entdeckt und dann schmunzeln muss; in dem Wissen, dass es ja eigentlich gar nicht sein kann.
Von Personen, die nicht wissen, dass es sich nicht um ein genetisches Vater-Kind-Verhältnis handelt, kommen häufig Kommentare zur Ähnlichkeit. Sogar Ähnlichkeiten zur Großelterngeneration werden hergestellt.
Ich kann jetzt natürlich nicht vorhersagen, ob das bei mir auch so sein wird. Aber ich kann sicher sagen, dass ich damit umgehen kann. Weil es mir gar nicht mal so wichtig ist.
Viel wichtiger ist mir, meinem Kind meine Werte zu vermitteln, mein Kind auf seinem Weg zu einem selbstbestimmten und selbstbewussten Leben begleiten zu dürfen.

Ich wünsche mir, dass mein Kind versteht, dass man sich Familie aussucht; und das Familie viele Gesichter hat.

Wenn mein Kind uns irgendwann den Vorwurf macht, ihm einen Teil seiner selbst beraubt zu haben indem wir ihm bewusst einen Teil seiner genetischen Identität vorenthielten werden wir das verstehen und aushalten. Ich bin aber sicher unser Kind wird verstehen, dass es ein kompletter und perfekter Teil unser Familie ist, die wir und unsere genetischen, biologischen, Adoptiv- und Stiefeltern und unsere Freunde ausgesucht haben.

Ich bin sicher, richtig entschieden zu haben.

 

Autor: Die Sache mit dem Storch

diesachemitdemstorch klappt nicht. Das ist meine Geschichte.

3 Kommentare zu „Eizellspende #03: Genetik vs. Biologie vs. Sozialität vs. X“

  1. Das liest sich ganz toll, liebe Storchensache! Ich denke ja auch immer, dass Familie eben da ist, wo Menschen wie Familien zusammenleben. Wer das ist und in welchem (Bluts)verwandschaftsverhältnis sie zueinander stehen, ist eigentlich total Gurke. Es gibt zahllose andere Dinge, die viel viel viel wichtiger sind.
    LG Tina
    PS: WordPress spinnt ja gerade ein wenig, daher hier nochmal, falls Du es nicht gesehen hattest: https://wuenschekindereltern.wordpress.com/2017/01/02/happy-new-year-oder-liebster-award-nr-4/

    Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Im Zusammenhang mit unserer Adoptionsbewerbung mache ich mir gerade auch viele Gedanken über das Thema ‚biologische‘ und ’soziale‘ Elternschaft.
    Aus meiner Erfahrung ist Familie da, wo Familie gelebt wird. Ich bin auch in einer Patchwork-Familie aufgewachsen. Ich habe zwei Väter. Den Vater, der mich gezeugt hat, mit dem ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe, den ich an den Wochenenden besucht habe und zu dem ich nach wie vor eine gute Beziehung habe. Und den Vater, bei dem ich die längste Zeit meiner Kindheit aufgwachsen bin (seit ich fünf war), mit dem ich den Alltag mit all seine Freuden und Problemen geteilt habe und zu dem ich auch nach wie vor eine gute Beziehung habe. Ich will gar nicht entscheiden, wer der ‚richtige‘ Vater ist. Beide sind richtige Väter. Genauso ist mein Neffe nicht weniger mein Neffe, nur weil er nicht das Kind meiner leiblichen Schwester ist, sondern das Kind meiner Stiefschwester…

    Gefällt 1 Person

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