Eizellspende #06: Vorbei

TL;DR: Es ist vorbei. Es hat nicht geklappt.

Die (fast) ganze Geschichte. 

Woher nehmen wir nur immer diese Hoffnung, diese positive Vorfreude, diesen unerschütterlichen Glauben daran, dass es dieses Mal klappen könnte? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass wir damit an Bord der Maschine nach Tschechien saßen. Wir hielten uns an den Händen und schauten uns fast schüchtern an. Alleine der Gedanke an einen positiven Ausgang ist so unglaublich fragil, dass wir fürchteten er zerbräche nur aufgrund dessen, dass wir ihn aussprechen. Deswegen behalten wir ihn für uns. Jeder für sich. 

Es ist Mittwoch morgen, 7 Uhr. Die Punktion der Spenderin war gestern, am Dienstag. Wir wissen bereits, dass zehn Eizellen punktiert werden konnten und es ihr gut geht. Ein tolles Ergebnis. Wir wissen noch nicht ob und wenn ja, wie viele Eizellen inseminiert werden konnten.
Wir sitzen in der Maschine nach Prag. Dort angekommen verschlägt es uns erst ins Hotel und dann gleich im Anschluss in ein Museum. Wir sind beide fürchterlich nervös und müssen unseren Gedanken entfliehen. Wir haben zu oft diesen Tritt in die Fresse gespürt; zu oft wurde unsere Hoffnung mit Füßen getreten, als dass wir die Angst davor einfach so ausschalten könnten. Ein Museum ist genau das richtige.

Ich checke meine Mails minütlich. Während mein Mann kurz zur Toilette ist kommt die ersehnte Nachricht. „Sie haben heute 7 befruchtete Eizellen = 7 Embryonen.“
Die Tränen kann ich nicht zurückhalten. Als mein Mann mich sieht liegen wir uns minutenlang in den Armen. Wir sind glücklich. Dieses Mal ist alles gut. Endlich können wir uns freuen. Vielleicht haben auch wir endlich mal Glück.
Wir schlendern vollkommen euphorisch durch die Ausstellung und müssen immer wieder die Zahl wiederholen. S – I – E – B – E – N. Wahnsinn.

Auf dem Weg zurück ins Hotel kehren wir in ein Café ein. Zur Feier des Tages muss ein Stück Kuchen her … Kaum bestellt bekomme ich eine Nachricht meiner Schwester. Eine schlechte Nachricht. Meiner Mutter geht es nicht gut. Ich möchte hier nicht weiter darüber schreiben. Aber die Nachricht überschattet alles. Mir liefen zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden Tränen über mein Gesicht. Dieses Mal jedoch nicht vor Freude. Aber ich beschloss positiv zu bleiben.
(Ich möchte hier nicht weiter auf diese Thema eingehen. Bitte versteht das!)

Am Donnerstag bekamen wir den Termin für den Transfer am Freitag. Unsere Vorfreude war immens. Sieben Embryonen; endlich haben wir eine realistische Chance!
Am Freitag zog ich meine Glückssocken an, die mir eine wundervolle Freundin vorher geschenkt hat und wir fuhren zur Klinik. Aufgeregt nahmen wir noch ein paar Minuten im Wartebereich Platz bevor unsere Koordinatorin uns in einen Raum begleitete, wo unsere behandelnde Ärztin und eine Biologin auf uns warteten. Mein Mann und ich freuten uns wahnsinnig.
Wir setzten uns. Ein großer Tisch. Auf der einen Seite die Koordinatorin und die Ärztin, auf der anderen Seite mein Mann und ich und am Kopfende die Biologin. Der Raum war leicht abgedunkelt und der Fokus lag auf dem an die Wand gebeamten Bild von sieben befruchteten Eizellen. Warum sind nur zwei davon grün hinterlegt und warum sehen die anderen irgendwie so komisch aus? Mir schossen viele wirre und wilde Gedanken durch den Kopf. Vermutlich handelte es sich nur um einen Bruchteil von Sekunden. Ich lächle … Schnell sagte die Biologin: „The result is not good. There are only two Embryos left. And they are not very well developed.“ Was? Wie? WAS? Two? Im Sinne von: TWO? Wie: ZWEI? Ich greife unterm Tisch nach der Hand meines Mannes und kralle mich fast schon fest. Ich spüre wie Wärme in mein Gesicht steigt, wie Tränen meine Augen befeuchten, wie sich mein Innerstes zusammen zieht. „Was? Warum? Wie …?“ Ich kann nicht denken. Ich hasse mich. Hasse mich dafür schon wieder positiv gedacht zu haben. Ich hasse mich dafür nicht endlich mal gelernt zu haben, dass Murphy unser bester Freund ist. Ich hasse mich dafür, dass ich schon wieder so getreten werde.

Die Ärztin und die Biologin sprechen sofort und in einem Schwall weiter. Irgendwas von vermutlich schlechter Spermienqualität (Hä? Die war aber doch besser denn je und noch vor zwei Monaten, also vor der Kryokonservierung, hochgelobt worden?), extrem guter Eizellqualität und von Embryonenspende … Mein Mann und ich ringen einfach nur um Fassung. Während die Ärztin uns sagt, dass wir im nächsten (bereits bezahlten) Versuch eben auf eine Embryonenspende setzten sollten weil Eizellspende uns nicht zum Kind verhilft. STOP!
Mein Mann fragt ob es keinen Transfer gibt.
– „Doch! Zwei Embryonen sind da. Ein Achtzeller und ein Fünfzeller. Allerdings in sehr schlechter Qualität.“
– „Ist ein Transfer dann überhaupt sinnvoll?“
– „Ja.“
– „Dann machen wir den jetzt und denken noch nicht daran wie es danach weiter geht.“
– „Gut.“

Wir müssen nochmal in den Wartebereich. Wir weinen nicht. Aber es laufen uns einfach Tränen über die Wangen. Wir können sie nicht aufhalten.
Ich werde zum Transfer gerufen. Mein Mann muss warten. Mit voller Blase ziehe ich ein OP-Hemdchen an und setze mich auf das mir zugewiesene Bett.
Dann geht’s in den „OP-Saal“, die Ärztin und die Schwester machen auflockernde Witzchen. Aber ich lasse nichts mehr an mich heran. Zu viele Gefühle, zu viele Gedanken, Wünsche, Sorgen. Was mache ich hier eigentlich?

Und dann beobachte ich den Transfer auf dem Monitor. Und ich spüre da wieder diese Hoffnung. Wie war das? Hässliche Embryonen werden auch schöne Kinder?
Ich taufe unsere transferierten Embryonen liebevoll „unsere Grabowskis“.

Schon wenige Tage nach Transfer bekomme ich starke Mensschmerzen. Ich spüre, dass es nicht geklappt hat. Heute ist PU +15. Alle Schwangerschaftstests (10er) negativ. Es ist vorbei. Ich soll am Freitag nochmal zum Bluttest. Okay. Mach ich. Aber es wird am Ergebnis nichts mehr ändern.

Ein weiterer Tritt. Ich weiß nicht wie es weitergehen wird. Wir wissen es nicht.
Gerade brauche ich Zeit. Für mich. Für uns. Für meine Mutter.

Autor: Die Sache mit dem Storch

diesachemitdemstorch klappt nicht. Das ist meine Geschichte.

10 Kommentare zu „Eizellspende #06: Vorbei“

  1. 😦 Es tut mir so Leid! Ich kenne das Gefühl, wir waren ähnlich euphorisch und knallten dann wieder auf den Boden der Tatsachen (Yeah, 14 Eizellen! Bääm, nur eine befruchtet. Die sieht nicht gut aus. Aber wir setzen sie ein.) Wahrscheinlich ist es gut und normal und gesund, dass man jedes Mal wieder so optimistisch ist. Auch wenn ich es immer wieder verfluche, weil es den Sturz so viel tiefer macht.
    Ich wünsche dir jetzt viel Kraft und Ruhe. Denke daran, dir auch mal was zu gönnen. Vielleicht nur eine Kleinigkeit. Ein bisschen Zeit für dich. Ein Kaffee im Lieblingscafé? Ein kurzer Spaziergang durch die langsam wärmer werdende Luft? Eine Zeitschrift kaufen? It’s the little things…

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  2. Ich bin einfach mit dir fassungslos. Es ist furchtbar ungerecht und auch wenn die Hoffnung irgendwie notwendig ist, um Antrieb für all diese Versuche zu liefern, so ist sie auch hinterhältig, wenn dann wieder das Leben zuschlägt. Ich kann dir nur mein tiefes Mitgefühl aussprechen. Ich wünsche dir ebenfalls Ruhe und Kraft, um das alles zu verarbeiten und um für deine Familie da zu sein. Fühl dich umarmt! 😘

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  3. Ich wünschte, ich könnte, jetzt wo ich es gelesen habe, nicht traurig sein. Ich fühle mich schlecht, dass ich traurig bin. Aber ich kann es auch nicht abstellen. Ich bin traurig. Es tut mir leid. Sehr.

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