Ich bin schwanger

Fast fünf Monate habe ich nicht geschrieben. Ehrlich gesagt habe ich gedacht nie wieder hier zu schreiben. Aber nun möchte ich es eben doch. Ich bin schwanger. Ein kleiner Embryo hat sich damals durchgesetzt und ist inzwischen ein recht großer Fötus. Das macht mich verdammt glücklich und manchmal kann ich es nur schwer fassen. Wie konnte das passieren? Ich habe nicht damit gerechnet. Nicht dieses Mal und nicht unter diesen Voraussetzungen. Aber von vorn:

Am Vortag des Transfers war ich zu Besuch bei meiner Mutter. Wie auch schon viele Tage davor. Es ging ihr immer schlechter. Ich schlief seit mehreren Nächten auf einem Sessel neben ihrem Krankenbett im Wohnzimmer, massierte ihr die Füße, hielt ihre Hand und sprach ihr gut zu.
Sie war kaum mehr anwesend. Sie war wirr, schlief fast nur noch und sprach eigentlich nicht mehr. Wenn sie versuchte etwas zu sagen war es sehr schwer sie zu verstehen. Eine fürchterlich kräftezehrende und anstrengende Zeit. Meine Geschwister, mein Vater, meine nahe Verwandtschaft waren da, begleiteten sie und halfen ihr soweit es ging. Wir wollten sie nicht in fremde Hände geben und wir wollten ihr den Wunsch zu Hause sterben zu dürfen erfüllen.
Uns allen und auch ihr war klar, dass sie bald gehen muss. Mir war außerdem klar, dass ich am Folgetag nach Prag fliege. Aber ist das wirklich richtig? Wie kann ich nach Prag fliegen während meine Mutter im sterben liegt? Was mache ich da? Werde ich sie nochmal wieder sehen? Ich war zerrissen.

Dann kam der Moment des Abschieds. Minuten, die sich in mein Herz gebrannt haben. Worte, die ich niemals vergessen werde. Berührungen, die ich jetzt noch spüren kann. Ich lag weinend auf ihrer Brust und plötzlich war sie „wieder da“. Sie war wach und sprach mit mir. Sie war für einen kurzen Moment vollkommen klar. Meine Mama.

„Ich hab dich sehr lieb. Weine nicht. Gute Nacht.“ – „Gute Nacht, Mama.“
Dann drehte ich mich um und ging.
Ich fuhr nach Hause. Zwei Stunden. Ich schrie. Ich weinte. Ich rief nach ihr. Ich wimmerte.
Zu Hause weinte ich mich in den Armen meines Mannes in den Schlaf.

Schon sehr früh am Morgen ging es zum Flughafen. Ich fühlte mich okay. Ich litt nicht, ich trauerte nicht. Ich konnte mich auf den Moment konzentrieren und freute mich auf den Transfer. Vermutlich habe ich in dem Moment noch gehofft meine Mutter nochmal wieder zu sehen. Aber tief in mir wusste ich, dass wir uns nie wieder sehen werden.

In Prag angekommen gingen wir frühstücken. Am Wenzelsplatz war ein großer Markt. Es war Karfreitag; alles war für’s Osterfest vorbereitet. Die Sonne strahlte. Und wir auch. Wir fühlten uns für einen kurzen Moment ganz frei und zufrieden. Seltsam wenn ich die Situation bedenke.

Der Transfer verlief gut. Zwei Blastozysten wurden transferiert. Direkt im Anschluss nahmen wir den Bus zum Flughafen.
Noch im Bus klingelte mein Telefon. Mein Bruder versuchte mich zu erreichen. Ich nahm das Gespräch nicht an. Mir war klar was er mir zu sagen hatte.
Einen Moment später klingelte das Telefon meines Mannes. „Nimm bitte nicht ab. Ich möchte es noch nicht wissen. Bitte.“
Wir hielten uns ganz fest.

Nach Hause flogen wir mit einer ganz kleinen Propellermaschine. Ich saß am Fenster, mein Mann neben mir. Wir flogen etwa eine Stunde.
Kurz vor der Landung, ein paar Minuten vorm durchbrechen der Wolkendecke sah ich diesen Lichtstrahl am Himmel. Ich winkte nach draußen und sagte „Gute Nacht, Mama.“
Ich weinte.

Zu Hause angekommen erfuhr ich, dass meine Mutter genau in dieser Minute gestorben ist. Mein Bruder versuchte mich vorher zu erreichen um mir mitzuteilen, dass es jetzt soweit ist und sie sehr bald sterben wird. Ich erinner mich nur noch schemenhaft an den Abend. Ich schrie, weinte, wandte mich auf dem Boden, verzweifelte und schlief irgendwann wieder in den Armen meines Mannes ein.
Die Trauer zerfraß mich. Ich konnte tagelang nicht denken, nicht essen, nicht trinken. Es war schlimm.

Keinen einzigen Gedanken konnte ich an den Transfer verschwenden. Ich war sicher, dass es nicht geklappt hat. Diese seelischen Schmerzen waren körperlich spürbar. Niemals würde sich ein kleines Wesen einen solch grauenvollen Moment aussuchen um ins Leben zu starten.

Acht Tage später und zwei Abende vor der Beerdigung meiner Mutter hatte ich wieder fürchterliche Menstruationsschmerzen. Die hatte ich nun schon länger. Negativ, klar!
Ich entschied spontan zu testen. Mein Mann telefonierte gerade mit einem Freund. Und ich wollte das negativ genau jetzt deutlich vor mir sehen. Am Abend des achten Tages nach Transfer und 13 Tage nach Punktion pinkelte ich also in ein kleines Döschen, hielt den Streifen rein, schaute drauf und beobachtete wie mein Urin ganz langsam über den Streifen nach oben wandert. Ich zucke. Zwei Streifen. Zart. Ganz zart. Aber: Eins, zwei. Fuck. Kann nicht sein. Doch. Ich seh’s.
Ich renne durch’s Treppenhaus und rufe laut meinen Mann. Der kommt aufgeregt von der Terasse und denkt es sei was passiert. Ist es ja auch. „Ich habe positiv getestet. Hier. Schau. Zwei Striche. POSITIV.“

Und dort begann die Geschichte von uns als Familie zu dritt.

 

Autor: Die Sache mit dem Storch

diesachemitdemstorch klappt nicht. Das ist meine Geschichte.

6 Kommentare zu „Ich bin schwanger“

  1. Endlich! Ich hatte sehr gehofft, dass Du hier noch schreibst wie es war.
    Es klingt schrecklich und gleichzeitig so wundervoll. Da hat sich ein kleines Leben in diesem furchtbaren Moment durchgekämpft. Alles Gute für euch!

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  2. Weißt Du, ich weine hier grad beim Lesen. Weine um deine Mama und den Schmerz. Weine vor Glück wegen des Wunders.
    Ich bin mir sicher deine Mama hat eurem Schatz gezeigt, wie er zu euch kommt. Und nun hat er/sie für immer einen Schutzengel.

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